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Genießen in vollen Zügen Part II
Oder auch:
Täglich grüßt das Murmeltier!
Alle Jahre wieder werden die Mitbürgerinnen und Mitbürger vom „plötzlich“ einfallenden Winter überrascht. Ist ja auch eine sehr ungewöhnliche Zeit für Schnee und Glätte so mitten im Dezember…
Jedenfalls drehen Autos Kreisel, Menschen tragen ihren gesamten Schrankinhalt auf dem Leib und meckern noch viel mehr als ohnehin schon, Busse bleiben stecken und Bahnen fahren erst gar nicht los und wenn, dann nur zur Hälfte. Winter in Berlin, eine Stadt versinkt im Chaos!
Es ist ja nun weiträumig bekannt, dass die gute alte S-Bahn so diverse Schwierigkeiten bezüglich Wartungsarbeiten, Service, Pünktlichkeit etc. hat. Auf eines kann man sich allerdings immer verlassen und zwar, dass die Bahn pünktlich zum Fall der ersten Schneeflocke und der Temperaturen unter Null in „Lieferschwierigkeiten“ gerät. Also, Probleme hat, die Fahrgäste von A nach B zu liefern oder besser gesagt zu befördern – auch wenn man sich bei öffentlichen Verkehrsmitteln manchmal echt ausgeliefert fühlt!
Eigentlich müsste man darüber lachen, kann aber doch nur heulen oder besser noch, toben und schimpfen. (Wut ist besser als Verzweiflung…) Denn schlimm genug, dass wenn man auf die Bahn angewiesen ist, man bei diesen klimatischen Bedingungen nicht einfach von der Haustür direkt in das trockene eigene Gefährt hüpfen kann, sondern erst einmal bei Wind und Wetter zum Bahnhof watscheln „darf“ und sich dort in eine möglichst wind- und schneefreie Ecke kauert, dafür, dass die Bahn dann einfach nicht kommt. Ich habe mir dann mal überlegt wie ich meine Prioritäten setzen würde, wenn ich nach so langem Warten mit den Sohlen am Bahnsteig festfrieren, meine Bahn eintreffen und ich partu nicht vom Fleck kommen würde?! Würde ich mich dann von meinen Schuhen lösen und mich lediglich besockt in die Bahn stellen, mit der Folge eines Wasserhochstandes zwischen den Zehen, aufgrund der gefühlten knöchelhohen Suppe auf dem Boden der Bahn aus geschmolzenem Eis, Dreck und will-ich-gar-nicht-näher-wissen-Gemenge, um letzten Endes zwar pünktlich auf Arbeit zu kommen, aber am nächsten Tag mit dicker Erkältung im Bett liegenzubleiben? Oder würde ich warten bis ich wieder aufgetaut bin? Dann müsste ich mir allerding bis zum Frühjahr frei nehmen, könnte aber bis dahin vielleicht als Litfaßsäule ein wenig Taschengeld verdienen, müsste dann aber eine neue Fahrkarte lösen, weil mein Monatsticket dann sicher abgelaufen ist… Es ist schon erstaunlich wie die Hirnaktivitäten unter Frosteinwirkungen leiden.
Aber es ist auch zum Mäusemelken, wenn man bedenkt, dass der Winter – und wohlgemerkt erst der meteorologische Winter, nach dem kalendarischen haben wir nämlich noch Herbst (!) – erst angefangen hat und die Bahn schon jetzt in Schwulitäten gerät. Zumal, wir „üben“ ja erst den Winter, es wird mit Sicherheit noch viel kälter und nach Aussagen diverser Meteorologen noch viel schneeintensiver werden! Ich seh es schon kommen, ich werde mir unter der Woche ein Zelt im Büro aufschlagen und am Wochenende einfach den Schlitten nehmen.
Im Radio dauern die Störungsmitteilungen schon fast länger, als die Nachrichten inklusive Wetter und Lottozahlen. Schmunzelnder Weise hatte ein Moderator doch letztens gesagt „Ich denke, ich wäre schneller durch gewesen, hätte ich angesagt, was überhaupt fährt“.
Besonders hilfreich sind auch die Informationen die man von der Bahn bekommt. So hieß es zuvor mündlich, die Bahn fährt im 20-30 Minutentakt. Heute hing neben dem Fahrplan ein Zettel, dass einige Züge im 20 und andere im 40 Minutentakt fahren. Ja und 20/40 Minuten von was? Soll ich jetzt von Null Uhr die Zeit im 20/40 Minutentakt herunter rechnen? Scherzkekse! Wenn vielleicht auch taktisch geschickt, weil man so eine Weile mit rechnen beschäftigt ist. *…*
Wenn dann ein so selten gesehenes Exemplar einfährt, muss man sich nicht nur sputen, dieses zu erreichen, sondern auch gut gefrühstückt haben, um sich mit aller Kraft im Tetrissystem durch die Massen zu drücken, um in das Innere des Zuges zu kommen. Wer drin ist, hat gewonnen! Lustiger weise sind die Züge mit einer Normallänge von mindestens acht Wagons auf vier Wagons gekürzt worden. Der Clou besteht also nun darin, die Massen, die ansammelnder weise dem Erscheinen des Zuges entgegenfiebern, nun auf die Hälfte des Platzes zu verteilen. Man bedenke, bei einem normalen 10 Minuten Takt und vollzähligen acht Wagons, ist die Bahn im Berufsverkehr schon voll. Hier zu möchte ich erwähnen, dass die Steigerung von „voll“, „gestrichen voll“ ist und alles darüber hinaus „gehäuft“ wäre. Da die Fenster allerdings seit einiger Zeit nicht mehr selbstständig von den Fahrgästen geöffnet werden können und auch die Türen während der Fahrt günstiger weise geschlossen sind, wandelt sich „gehäuft“ in „gedrückt“ um, was ich lieber salopp als „gequetscht“ betiteln würde.
Ich habe ja so den Verdacht, dass sich das Bahnpersonal oder zumindest die Betreiber dieses Unternehmens, die Vorweihnachtszeit damit versüßen, uns absichtlich in diese Situation zu bringen, denn Ärger hin oder her, eine Alternative bildet nur das Auto. Man stelle sich nun einmal vor, jeder Fahrgast steigt aufs Auto um, dann kommen wir gar nicht mehr weiter und einen Alternativanbieter gibt es leider (noch) nicht, also: mitgehangen, mitgefangen…
Wenn man also ein klein wenig die Fantasie kreisen lässt, sieht man mit einem Mal klitzekleine Verschwörungen, die sich zu einer großen zusammenflechten, mit dem Ziel uns in den Wahnsinn zu treiben. (Ich glaube, ich trage bei sehr niedrigen Temperaturen besser eine Mütze…)
So steht man dann nun in einer solchen Bahn, dicht an dicht mit mehr oder eher weniger gut duftenden Mitreisenden, welche sich entweder gedacht haben „Nö, was soll ich duschen, ich schwitz in der Bahn eh gleich wieder“ – irgendwie verständlich, schließlich werden die Heizungen der Bahn auf mindestens 25° gehalten und wenn man mit Wintermantel da steht und die Wintermäntel und Jacken der Leidensgenossen noch dicht an sich gedrückt hat und somit im übertragenem Sinne mehr Wintermäntel an hat, als man im Leben im Schrank hatte, dann treibt es dem einen oder anderen schon das Wasser ins Gesicht. Oder, es gibt von Natur aus frustrierte Menschen, die aus purer Bosheit am Vorabend eine komplette Knoblauchknolle verzerrt haben und / oder am Badezimmer winkender Weise vorbeigegangen sind, mit dem Tagesmotto „Heute bin zum K… oder bringe Euch zumindest dazu!“ Man entschuldige mir bitte diese Ausdrucksweise, aber nach 20 Minuten dauerhafter Gestanksaufnahme verliert sogar Mary Poppins ihre gute Kinderstube!
Ein positiver Nebeneffekt ist jedoch die Streuimpfung gegen sämtliche Infektionskrankheiten, frei nach dem Motto „Was mich nicht umbringt, macht mich stark!“. Schade nur, dass die Betreffenden täglich wechseln, sonst könnte man sich morgens die Zeit damit vertreiben, Ludwig van Beethovens „Ode to Joy / Ode an die Freude“ einzustudieren bzw. einzuschniefen und zu husten. (An dieser Stelle wird an die Fähigkeit des Kopfkinos appelliert.) Wäre vielleicht eine Möglichkeit die Stimmungslage aus dem Kellerbereich wenigstens in das Erdgeschoss zu befördern. Denn auch wenn es den Menschen wie den Leuten geht, sind einige Mitfahrende der Meinung, ihnen ginge es besonders schlimm, was sie dann damit kompensieren, andere Fahrgäste anzupöbeln und anzuraunzen, wenn sie nicht bei drei die Haltestange hochgeklettert sind – denn andere Ausweichmöglichkeiten gibt es nun mal nicht –, wenn er oder sie aussteigen will. In solchen Situationen zitiere ich liebend gern Loriot „Genügt es, wenn ich mich irgendwie auflöse?“
Besonders umsichtig verhalten sich in solchen Situationen auch einige Fahrradfahrer, welche selbst bei kniehohem Schnee nicht auf ihren Drahtesel verzichten können und wollen, die dann ihre mit schneematschbedeckten Reifen am beigen Kaschmirmantel einer Dame säubern und nach Hinweis auf diese Diskrepanz einen aufs höflichste mit erhobener greller Stimme darauf hinweisen, man solle sich um seinen eigenen Sch…eibenhonig kümmern. Die Nächstenliebe ist so kurz vor den Feiertagen immer besonders hoch angesiedelt, wie mir scheint…
Mein Mitgefühl gilt am meisten den zwei bis vier runden Augenpaaren, die einem aus den Tiefen von Taschen und Ärmeln angstvoll entgegen blinzeln, wo man nicht genau bestimmen kann, ob es sich bei dem Wimmern um ein Kind oder einen Hund handelt, der oder die zwischen den Menschenmassen eingeklemmt ist.
Wenn man da also nun mit Schnappatmung, möglichst nach oben, die erlösende Ansage der gewünschten Station erwartet, sieht man in Gedanken die Bahn Wetten abschließen und sich schelmisch die Hände reiben. Vielleicht steigern sich sogar deren Wetteinsätze, wenn die Taktzeiten verlängert werden und täglich ein Wagon entfernt wird. Heute sind es noch vier, Mittwoch drei, Donnerstag zwei und Freitag nur noch einer und kommende Woche bekommen wir alle eine Handhebeldraisine…!
Gut, vielleicht übertreibe ich ja ein wenig, aber selbst das sanfteste Gemüt, schnappt irgendwann über, spätestens dann, wenn die Fahrpreise wieder erhoben werden!
Gute Fahrt….
Berlin, 7. Dezember 2010
„Mariethieme“ An- und Aussichten
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