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Erlebnis Essen, Essen erleben…

Unter der Rubrik „Gastro-Kritik“ möchte ich heute einmal das sogenannte „Dinner-Krimi“ vorstellen.

Hier: Mord an Bord Mylord, vom Samstag, dem 8. Januar 2010, im Hotel Müggelsee Berlin

Einleitung:

Letzten Samstag hatte ich das Vergnügen, an einem solchen Spektakel teilzunehmen. Gebucht hatte ich es bereits im November 2010, da Plätze für solche Veranstaltungen sehr schnell vergeben sind.

Ein „Dinner-Krimi“ darf man sich wie folgt vorstellen, es gibt einen Katalog in dem verschiedene Theaterstücke, aus verschiedenen Städten in ganz Deutschland, aufgeführt sind, aus diesem wählt man dann einfach eins aus. Klingt vom Prinzip her nicht wirklich spektakulär, denn Theater gibt es wie Sand am Meer und hat man oft sogar zu Hause oder auf der Arbeit. Nein, ein „Dinner-Krimi“ hat die Besonderheit, dass man nicht vor einer Bühne, wo sich alles abspielt, sondern mitten in der Szenerie des Theaterstücks sitzt. Man ist quasi ein Teil des Stücks und hat sogar die Möglichkeit aktiv mitzuwirken oder ist einfach nur ein Requisit. Zu dem Paket gehört dann ein vier Gänge Menü (Suppe, Vorspeise, Hauptgang, Dessert), welches in kleinen Pausen serviert und verspeist wird. Das Menü ist im gebuchten Paket enthalten, Getränke zahlt man dann nach Verbrauch.

Es gibt auch noch ein sogenanntes „Krimi-Dinner“, da wird dann während der gesamten Vorstellung gespeist und man ist einfach nur Zuschauer.

Die Vorbereitung:

So sitzt man dann also fünf Stunden vor Beginn der Vorstellung und macht sich die ersten Gedanken, was zieh ich eigentlich an, wie kommen wir dahin, wer fährt zurück, wer darf was trinken, was brauchen wir alles dafür, eben die üblichen Vorüberlegungen, die man vom Prinzip her schon in der zweimonatigen Wartezeit nach Anmeldung hätte tätigen können. Aber wie das nun einmal so ist, ohne Stress kann ich eben nicht arbeiten! Wenn einem dann beim durchlesen der Unterlagen auch noch auffällt, dass eine Reservierung auf den eigenen Namen nicht ausreicht, das heißt, dass man vor Ort auch mittels Ausweis dem Veranstalter nicht ausreichend belegen kann, dass man es auch wirklich ist und nicht zufällig ein Paar mit identischem Namen in Abendgarderobe, die  sich mal gedacht haben „Ach guck mal, da ist was los, wir probieren mal, ob sich jemand mit unserem Namen dort angemeldet hat…“. Nein, man muss sich die Anmeldebögen, pro Person eine komplette DIN A4-Seite, ausdrucken, denn es steht auf einer umfangreichen „Hausordnung“, dass das Personal einem auch nach dem Ausweisen den Zutritt verweigern kann, wenn man nicht alle Unterlagen vollständig zur Hand hat. Es lebe die Bürokratie!

Nun gut… Da auf einem Samstagabend keine Druckläden mehr geöffnet haben und ich auch über keinen Drucker verfüge, musste demnach ein Drucker erst käuflich erworben – es ist schon echt praktisch fast neben einem Einkaufcenter zu wohnen – anschließend angeschlossen und installiert werden. Allerdings ist es anscheinend nicht üblich, Geräte, welche mittels USB-Kabel an den PC geschlossen werden, diese Kabel auch dem Gerät beizupacken.

So steht man, nun inzwischen drei Stunden vor Beginn der Veranstaltung, mit dem Drucker, dem Karton und einem Fragezeichen über dem Kopf vor dem PC und möchte am liebsten in die Tischkante beißen, weil das Kabel fehlt, macht man selbstverständlich aber nicht, denn es gibt bei der Veranstaltung ja schließlich was zu essen. Nachdem man dann wieder eine einigermaßen normale Gesichtsfarbe angenommen hat, indem man langsam bis 20 gezählt hat, macht man sich ans Werk in meinem liebevoll „Elektrokasten“ genannten Schubfach nach einem geeigneten Kabel zu suchen, was sich bestimmt in einem der Kabelknäule versteckt hat. Eine gute halbe Stunde und mindestens ein Dutzend Haare weniger auf dem Kopf später, hat man nun das gesamte Fach zerlegt, alle Kabel fein säuberlich der Länge nach sortiert, um letzten Endes festzustellen, man könnte bei dem vorhandenen Material einem Airbus A380 die komplette Technik ersetzen, aber bestimmt keinen Drucker anschließen. Entnervt klaubt man also die Kabel wieder zusammen und stopft sie zurück in die Lade, bis eine zündende Idee darauf aufmerksam macht, dass man ja noch einen Scanner besitzt, welcher mittels USB-Kabel angeschlossen werden müsste, in der Hoffnung, dieses völlig intakt vorzufinden, denn als stolze Kaninchenbesitzerin ist das nicht immer der Idealfall. Und siehe da, Kabel ohne Nagespuren gefunden und nach ein wenig zurechtschnibbeln auch mit dem Druckeranschluss kompatibel.

Nur noch zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung, immer noch ohne Gesicht und im Freizeitoutfit, aber mit den erforderlichen Unterlagen in der Hand, wir wollen die Fortschritte ja nicht unnötig klein reden! Da in der „Hausordnung“ so etwas stand wie „Stilvolle Abendkleidung erwünscht“, lässt man sich – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht lumpen und brezelt sich auf was das Zeug hält. Also wird geschmiert, gepudert, gezupft, gezwirbelt, gedrückt, gezogen, poliert und zum Auto gestelzt… Jetzt geht’s los!

Das Spektakel:

Das Hotel Müggelsee Berlin liegt im Bezirk Treptow-Köpenick und ist vermutlich in den 70/80 Jahren entstanden. Jedenfalls hat es den ostberlinerischen „Charme“, also eher einfach, schlicht etwas altbacken. Parkplätze sind direkt vor dem Hotel vorhanden, bis zu 3 Stunden kostenlos, ab da jede Stunde 1,- Euro, was durchaus erschwinglich ist, dafür, dass man direkt vor dem Hotel parken kann, was sich für die Damen mit Absatz durchaus vorteilhaft gestaltet. Nach einem kleinen Fußweg durch das Hotel gelangt man, über einen durch roten Teppich simulieren Bootssteg, in einen Saal, der im 70/80 Jahre-Aula-Stil gehalten und in eine kühle Beleuchtung gehüllt ist. Empfangen wird man von den Schauspielern, welche ab dort bereits voll in ihrer Rolle stecken. Man wird begrüßt mit „Und das ist sicher der Erbe der Reederei Thompson und Thompson in Begleitung seiner entzückenden Gemahlin (er meinte mich *räusper*)“ und „Guten Abend, ich bin die Tochter des Admirals, herzlich willkommen an Bord“ und vielem mehr. Zudem wird einem ein Getränk überreicht, welches zwar bläulich im Ton, aber sektlich im Geschmack ist, anschließend wird man zu seinem Platz begleitet.

„Seinem“ Platz ist in diesem Fall leider etwas unpassend, denn es sind ungefähr 10 Reihen aneinandergereihte Tafeln, mit steinharter Tischdecke gehalten, wo man dann Gast an Gast mehr oder eher weniger Platz findet. Man sitzt sich mit der jeweiligen Begleitung gegenüber und links und rechts neben einem, sitzen dann weitere Gäste, was dem Ganzen nicht unbedingt einen privaten Rahmen verleiht, zumal man durch die Aula-Atmosphäre seinen gegenüber schlecht versteht und schreien möchte man ja auch nicht, weil zum einen geht es keinen etwas an und zum anderen sind wir nicht auf einem Basar.

Um dem Bild einen Rahmen zu geben:

Es handelt sich bei dem Theaterstück „Mord an Bord Mylord“ um ein Fest zu dem Lord Reginald Bromstroke, Admiral a. D., zum „Royal Navy-Dinner“ einlädt, wobei die Gäste (also wir die Zuschauer) Zeuge eines Familiendramas werden, welches durch Intrigen und Mordfälle begleitet wird. Das ganze Schaupiel findet zwischen den Reihen und drum herum statt, was dem Ganzen eine gewisse Mobilität verleiht. Bei diesem Stück haben bis zu sieben Gäste die Möglichkeit mitzuwirken, was sie dann allerdings rechtzeitig bekunden müssen.  Sie bekommen hierzu Text, ein wenig Kostüm und die passende Einweisung. Die übrigen Gäste werden eingebunden, in dem die Herren gebeten werden, sich bei jedem (!) Eintreten des Admirals zu erheben, dabei salutierender Weise „Victory“ auszurufen und  beim Setzen ein lautes seemännisches „AAAIIIIiii“ von sich zu geben. Die Damen dürfen sitzen bleiben und lediglich ein „Pabloe“ (Schreibweise unbekannt) seufzen. Hier und da wird auch gesungen, woran man sich beteiligen oder hinter der Speisekarte verstecken kann. Ebenso sind die Gäste eingeladen an des Rätzels Lösung um den Mörder beizutragen. Dass man hier und da von einem Schauspieler direkt „angespielt“ wird, kann passieren, muss aber nicht, aber man muss stetig damit rechnen!

Bewertung:

Positiv:

Die Schauspieler waren hervorragend vor, während und nach dem Stück! Sie sind selbst in den Pausen – sogar bei der Begegnung auf der Toilette – immer in ihren Rollen geblieben.

Das Theaterstück an sich war eine fabelhafte Inszenierung hochwertiger Schauspielkunst und hat des Öfteren die Lachmuskeln gekitzelt und für eine heitere Stimmung gesorgt.

Das Essen war ausreichend, sehr gut im Geschmack und auch für das Auge schön hergerichtet. Das Timing bezüglich des Wechsels Aufführung und „Essenspause“ war gut. Die Speisen waren alle warm und sehr bekömmlich, was angesichts der „Massenproduktion“ nicht immer einfach ist.

Negativ:

Die Lokation war sehr „nostalgisch“, was an sich nicht das Problem war, jedoch wurde die entsprechende Dekoration recht sparsam verwendet, so dass man schon sehr die Fantasie anstrengen musste, um sich im Schiff sitzen zu sehen. Zudem war es durch den hohen Saal eher ein Aula-Feeling was die Optik und Geräuschkulisse betraf.

Die Pausen zwischen dem Stück sind zwar optimal zum Verspeisen der jeweiligen Gänge ausgerichtet, jedoch zu kurz, um sich zudem kurz einmal die Beine zu vertreten oder das Stille Örtchen aufzusuchen. Bei einer Gesamtlänge von rund vier Stunden wäre eine etwas längere Pause wünschenswert gewesen, da man die Speisen doch in aller Ruhe zu sich nehmen und nicht hinter stürzen wollte, um kurz um die Ecke zu verschwinden.

Das Personal machte den Eindruck, eine „Lehrveranstaltung“ zu führen. Jedenfalls war das Auftreten teilweise sehr salopp und tapsig. (Für ein Dinner unangemessen.)

Die Getränkeauswahl war recht spärlich. Der Weißwein pelzig und korkig.

In der „Hausordnung“ wurde man gebeten der Veranstaltung einen festlichen Rahmen zu verleihen, in dem man in Stilechter Abendgarderobe erscheint, woran sich leider kaum Gäste gehalten haben, so dass man gegenüber Ringelpullover und Frisseljeans sich im eleganten Abendkleid und Hochsteckfrisur etwas overdressed vorkam.

Fazit:

Auch wenn die Schlaufe unter „Negativ“ länger ist, als unter „Positiv“ war es ein sehr amüsanter Abend. Denn das Theaterstück hat durch seinen Charme einfach bestochen, so dass die anfängliche Enttäuschung in Vergnügen umgeschlagen werden konnte. Wenn das gesamte Ambiente mit dem Theaterstück noch zusätzlich harmoniert hätte, wäre es ein echtes Glanzstück gewesen. So war es dennoch eine angenehme Erfahrung, welche man gern weiter empfiehlt, mit dem Hinweis, dass es für einen romantischen Abend zu zweit eher ungeeignet ist. Wenn man allerdings gern etwas Neues ausprobieren und erleben möchte, ist es eine willkommende Abwechslung.

Ahoi!

Berlin, 14. Januar 2011


„Mariethieme“ An- und Aussichten

 

 

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