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Verwirrungen der Nacht….

Es ist Februar, es ist kalt, es ist nass. Ich gehe die Straße entlang, habe nichts was mich vor dem Regen schützt. Mein Haar hängt in nassen kalten Strähnen an meinem Gesicht herunter. Meine Jacke ist durchtränkt, meine Haut bereits feucht und kalt. Endlich erreiche ich die Halle des Bahnhofs und versuche nun mit eiligen Schritten den Bahnsteig zu erreichen. Ich kann kaum etwas sehen, die Umgebung versinkt hinter einem grauen Schleier. Eine Menschentraube quillt mir entgegen. Wie seelenlose graue Hüllen drängen sie vom Bahnsteig nach draußen. Sie stoßen an meine Schultern, ziehen mich beinahe wieder mit nach draußen. Ich vernehme ein Raunen, kann jedoch kein Wort verstehen. Die Gesichter verschwimmen, der Klang der Schritte, Gespräche, Streit, Gelächter, all dies mischt sich in den quietschenden Reifen der Autos, dem Schellen der Bahn, dem Poltern des Zuges, der über die Brücke donnert und dem Regen der auf die Dächer und Straßen prasselt. An der Wand entlang schiebend erklimme ich die Treppen. Es ist laut, jedoch nehme ich es kaum wahr. Ich fühle mich leer, ich fühle mich matt, alles um mich herum klingt dumpf und blechern in meinen Ohren. Ich fühle mich eingeengt in den Massen, kann kaum atmen und suche nach einem Platz außerhalb der gesichtslosen grauen Figuren, doch sie schieben und schupsen mich in eine Richtung, in die ich gar nicht will. In meinem Kopf pocht ein stechender Schmerz, alles scheint ein Kessel aus schrillen lauten Tönen und blinkenden hellen Lichtern zu sein. Tränen steigen mir in die Augen, beklommene Angst kommt in mir auf und ich weiß nicht recht warum. Ich stolpere weiter auf der Suche, aber nicht wissend wonach. Um mich herum Gelächter, hyänengleich und die Bilder verzerren sich, Lichter tanzen, mir wird schwindelig, ein Schatten rauscht an mir vorbei, trifft mich und reiß mich am Arm, ich falle…

Ich stürzte tief und komme auf Schotter zum liegen. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchfährt meinen Rücken und erstreckt sich wie ein Donnerschlag über meinen gesamten Körper bis in die Fingerspitzen. Ich ringe nach Luft, meine Gedanken sind auf einmal ganz klar, denn ich ertaste mit den Fingern etwas kaltes Glattes und mit einem Mal wird mir ganz schwarz vor Augen, als mir klar wird, dass dieses Gefühl die Schienen sind. Ich liege im Gleisbett!

Ich versuche aufzustehen und mich durchfährt ein Schlag, ich kann mich nicht bewegen! Meine Beine und Arme sind wie Blei, mein Kopf so schwer. Ich fühle mich gefangen, gefangen in einem leblosen Köper aus Stein. Panik steigt in mir auf, lässt mich fast ohnmächtig werden. Ich versuche zu schreien, jedoch meine Kehle ist wie zugeschnürt, sodass ich nur ein leises Wimmern von mir geben kann, was ich selbst nur wie aus der Ferne wahrnehme. Sie hören mich nicht! Sie sehen mich nicht! Immer noch das schallende Gelächter, die verschwommenen Gesichter, die über mich hinweg schauen, aber mich nicht sehen, mich nicht hören, mir nicht helfen!

Doch! Da sehe ich ein Gesicht. Dort in der verschwommenen Menge, dort sehe ich es ganz klar. Es schaut mich an. Es sieht zu mir herunter. Es lächelt. Dieses Gesicht ist so vertraut und doch so fremd. Kein Alter, jedoch auch keine Jugend zeichnet dieses Gesicht. Es ist hell, gar weiß. Es schimmert aus dem tristen grau der Menge. Es wärmt durch bloßes Hinsehen die Kälte der umliegenden Stadt. Es steht ganz still in der vorbeirauschenden Menge. Ich spüre, wie die kalten Schienen unter mir sachte beben und höre ein Rauschen. Ich versuche den Kopf zu heben, jedoch scheint er am Gleisbett festgefroren zu sein, ich kann mich nicht bewegen, nur mein Blick hält sich fest an diesem Gesicht. Es schaut mich an und scheint was zu sagen, es formt die Lippen, für mich nur ein Wispern, ich kann es nicht verstehen, aber die Angst in mir scheint sich zu lösen. Ich höre, wie mein Herz kräftig schlägt, es immer lauter wird und die Kulisse der Stadt und das Lachen und Schimpfen der schwindenden Gestalten übertönt bis es nur noch ein leises Rauschen ist. Ich spüre, wie die Schienen unter meinem Körper donnern, sehe ein letztes Mal zu dem Gesicht, es nickt mir zu. Auf einmal ein schlagartiger Ruck – Alles schwarz!

Ich schnelle auf. Mir ist schwindelig. Mein Herz rast, ergibt fast einen konstanten Ton. Voller Angst, mit Perlen auf der Stirn blicke ich mich um, wo bin ich? Der Lärm der niemals schlafenden Stadt dringt durch das Fenster. Die Lichter der Laternen schimmern durch den mintgrünen Vorhang auf mein Gesicht. Der Puls vibriert in meinem Hals, er tobt, dass es schwerfällt die einzelnen Schläge zu fühlen. Ich ringe um Luft, dass die Brust schmerzt. Meine Augen suchen eilig den Raum ab. Es ist der Anblick des Zimmers, das Gefühl des Stoffes der Decke in meiner Hand, die vertrauten Klänge meiner Stadt, die mich erleichternd ausatmen lassen. Ich fahre mir durchs Haar und muss leise Lachen, weniger amüsiert, mehr erleichtert. Noch immer spüre ich im Hals das Pochen meines Herzens, lasse mich nieder auf das weiche Kissen, schaue an die Decke und bin noch etwas verwirrt, was mich solche Träume plagen. Ich kann kaum einen Gedanken zu Ende bringen, da fallen mir wieder die Augen zu.

Ich merke nicht, wie ein Engel auf meinem Fenstersims sitz und zu mir herein blickt. Sein Atem beschlägt das Glas und er lächelt……

Es war nur ein Traum… War es nicht?

 

Berlin, 14. Februar 2011
„Mariethieme“ Ausschnitte

 

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