Uhr

Benutzerdefinierte Suche

 

Violine, Indingiti, Ikembe, Ingoma und Umuduri: Aufregende Synthese europäischer und burundischer Musikkultur in Bujumbura. Was tun, um als Laptop-Vertretung mit den minimalen Mitteln eines kargen Kulturfonds in einem Post-Konflikt-Staat etwas Abwechslung in das Leben traumatisierter Menschen zu bringen? Man sucht nach universalen Verständigungsmöglichkeiten und landet fast zwangsläufig bei Musik. Aber welche Art von Musik? Rap für die kleine Minderheit der jungen Wilden, Jazz für afrikanische Intelllektuelle, bayrische Blasmusik in einem Land des Bieres?

Die Idee macht das Projekt

Nein: Wir wollten weder europäische Musik servieren noch einer Afro_Nostalgie Vorschub leisten, Wir wollten ein Experiment wagen: Europäische Violinmusik sollte mit traditioneller burundischer Musik zu einer Synthese verschmolzen werden. Keine Rivalität, keine Unterordnung, sondern ein gleichberechtigtes Musizieren mit offenem Ausgang war das Ziel.

Abschied von vorgefertigten Ideen

Dazu braucht man Musiker, die sich sowohl auf neue menschliche Erlebnisse als auch auf musikalische Abenteuer einlassen. Kein Fall für routinierte Orchestermusiker, die nur Noten reproduzieren und nichts unter Mozart gelten lassen.
Zum Glück kannte ich einen in Berlin lebenden Geiger, der für dieses Experiment in Frage kam und trotz bescheidenen Honorars Feuer und Flamme war. Schwieriger war es, geeignete burundische Musiker zu finden, die ihre traditionellen Instrumente (noch) beherrschen und gleichzeitig die Fähigkeit hatten, ihre Vorstellungen innerhalb von wenigen Tagen in einen ergebnisoffenen Schaffensprozess einzubringen.


Wir hatten sie dann doch gefunden: Jean, den uralten, bescheidenen Hornviolinspieler, Bernard und Alfred, die jungen Vollblutmusiker, Dschinga, den intelektuellen Sammler trdtioneller Musik und Stephen, den burundischen Sänger und Gitarristen mit der grossen Sehnsucht nach einem Kontrabass. Dazu Michail Anton, unseren zigeunerhaften Violinisten, der auch noch zusammen mit Gießkannen und Kochtöpfen einen musikalischen Leckerbissen produzieren könnte.

Erste Berührungen

Die erste Herausforderung war es bereits, alle Musiker zu etwa derselben Zeit an einem Ort zu versammeln - und zwar mit ihren Instrumenten und allen Saiten darauf. Schon hier stießen die zwei Kulturen aufeinander: die Europäer haben die Uhr, die Burundis die Zeit. Dann ging es daum, die Möglichkeiten der Instrumente zu erkunden. Kein einziger burundischer Musiker hatte jemals eine Violine gehört, geschweige denn gesehen. Auch unser Geiger hatte noch nie jemanden gesehen, der eine einsaitige Geige aus dem Horn einer Kuh bedient hatte und diese auch noch völlig "unsauber" spielte. Erst recht nicht die Umuduri, einer Mischung aus Saiten- und Schlaginstrument, das mit zwei Stäben gespielt wird und für unser Ohr ungewohnte bizarre metallische Töne von sich gibt.

Flexibilität ist Voraussetzung für gegenseitige Befruchtung

Jetzt musste eine musikalische Konzeption erarbeitet werden. Nicht einfach angesichts zweier völlig gegensätzlicher Musikauffassungen: die europäische der ständigen Entwicklung und Variation sowie der burundischen der Wiederholung. Aber man sah sofort, dass die Chemie untere unseren Musikern stimmte und dass sie das in Gang setzte, was schliesslich alle mitriss: Intuition, Experimentier- und Spielfreunde. Die Proben wollten kein Ende nehmen und insbesondere die Burundis waren so von der Geige fasziniert, dass 2 von ihnen sofort anfangen wollten, sie zu lernen. Dazu die langen Diskussionen der Musiker über die Rolle der Musik in den verschiedenen Ländern und die traurige burundische Erkenntnis, dass die eigene Musik durch die langen Jahre des Bürgerkrieges in ein Schattendasein gedrängt worden ist..

Realitätstest in unterschiedlichem Umfeld

Nach drei Tagen Proben dann die erste Aufführung in der Residenz vor Mitgliedern des diplomatischen Corps. Lampenfieber und Aufregung, aber auch Stolz, etwas neuartiges vorführen zu können. Der alte Jean hatte sich sogar einen Mantel ausgeliehen, um dem Anlass angemessen gekleidet zu sein. Dann das Konzert: eine Mischung aus virtuosen Geigensoli und burundischen Rythmusinstrumenten, witzigen burundischen Sprechgesängen und melancholischen Liedern, bekleidet und untermalt von europäischem Streichersound. Die Zuhörer waren begeistert, ebenso wie die Musiker, die noch nie vor so einem Publikum gespielt hatten.

Am nächsten Tag Konzert im deutschen Haus. Das Publikum viel burundischer, zudem ein Fernsehteam des staatlichen Rundfunks. Wieder begeisterung, auch im Fernsehteam, das während der Aufführung zu tansen anfängt. Das Ergebniss: ein 25-minütiger Fernsehbeitrag einige Tage später, in dem das Neuartige des Experiments herausgestellt und gelobt wird.

Nächstes Konzert im Jugendzentrum in Kamenge, einem schwierigen Stadtteil von Bujumbura, in das sich viele Bewohner von Bujumura und erst recht die Weißen gar nicht trauen: zu viel Gewalt, zu wenig Hoffnung. Aber der richtige Ort, um diesen desillusionierten Jugendlichen ohne Perspektive etwas Abwechslung und Unterhaltung zu bieten. Einige können mit dieser musikalischen Mischunhg nichts anfangen aber viele sind erstaunt, überrascht, angeregt, wenn vielleicht auch nur für kurze Augenblicke.


Schließlich das Konzert im französischen Gymnasium in Bujumbra. Völlig anderes Publikum: wissbegierige, begeisterungsfähige kleine Kinder des Bildungsbürgertums, die beim Klang von Geigentönen "abheben". Sie können gar nicht genug kriegen von den unendlichen Möglichkeiten dieser völlig verschiedenen Musikinstrumente und Musikstile.

Einfache Idee, geringe Mittel, große Wirkung

Die Musiker sind stolz und wissen, dass Sie musikalische Pionierarbeit geleistet haben. Ein halbstündiger Dokumentarfilm beim einzigen Filmstudio des Landes wird den Entstehungsprozess und die Konzerte aufzeichnen. Dazu sind menschliche Bindungen entstanden bei gemeinsamen Malzeiten, die für Burundis mindestens genauso wichtig ist wie die Musik. Schließlich hat die großen Mehrheit in diesem Lande nur einmal am Tag zu essen. Die Musiker werden noch lange, vielleicht ihr Leben lang, an diese Arbeit zurück denken. Sie fragen, wann dieses Experiment eine Fortsetzung hat, machen Vorschläge für eine neue Folge, schlagen zusätzliche Musiker vor, wollen andere Städte in Burundi daran teilhaben lassen. Eine vielfältige Dynamik hat sich in Gang gesetzt: Musiker und Menschen sind sich auf eine neue Weise begegnet, haben Neues gesehen und haben Neues geschaffen. Und das alles mit einer einfachen Idee und den bescheidenen Mitteln eines Botschaftsfonds!

 

Autor: Joseph Weiß, deutscher Botschafter in der Republik Burundi, Bujumbura